Ok, lasst uns das anfangen. Es geht um Kritik an den „Medien“. Ein super gefährliches Thema mit vielen Tretfallen. Zum einen, weil gerade Rechtsradikale sich das Thema Medienkritik unter dem Stichwort „Lügenmedien“ einverleibt haben. Dennoch war die Kritik an den Medien einmal ein Handwerkszeug der Linken. Ganz besonders dann, wenn es darum geht, wie die Presse mit der Unterhaltungsindustrie verschmilzt und ihre eigenen Wirklichkeiten erzeugt. Wie Zeitungen, Fernsehsender, Expert*innen und Prominente sich gegenseitig ununterbrochen mit Themen versorgen, um regelmäßige Empörungsblasen erzeugen, die die Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen einfangen, aber so gut wie keine reale gesellschaftliche Relevanz haben. All diese Probleme hat es schon immer gegeben und sie werden in Zeiten des Internets, wo es kaum noch Zeit und Ressourcen für Recherche gibt, dramatischer.
Tatsächlich will ich mich hier mit der politischen Ausrichtung der „Medien“ beschäftigen. Insbesondere mit der weitverbreiteten Selbstverpflichtung zur politischen Mitte. Ökonomisch macht eine mittige Positionierung Sinn, weil es vermutlich die Position ist, die die wenigsten Widerstände erzeugt und deswegen das größte Publikum erreichen kann. Von einem intellektuell ehrlichen Standpunkt her ist diese Position ein Desaster.
Ich bin sicher, dass wir in diesem Blog schon über die Mitte geschrieben haben. Ich mag mich nicht wiederholen. Aber hier kurz gefasst: Es gibt keine Mitte. Alle Menschen, selbst vermeintlich unpolitische, haben unterschiedliche Meinungen, und alle Menschen haben irgendwo eine Radikalposition. Zwar ist das politische Links-Rechts-Spektrum absolut valide. Links und rechts sind aber relative Begriffe. Eine Meinung ist immer links oder rechts von einer anderen, keine Meinung ist absolut links und keine Meinung ist absolut rechts und schon gar keine Meinung ist absolut mittig.
Doch genau diesen Anspruch erhebt die sogenannte Mitte für sich. Die Mitte ist ein ewiger unveränderliche Fels der Vernunft und alles was von ihr abweicht ist Extremismus. Dabei ist sie in Wirklichkeit nichts als eine Glorifizierung des politischen Desinteresses und der intellektuellen Trägheit. Sie erlaubt es Konservativen, ihren intellektuell unergründbaren Wohlstandspositionen, mit dem erfundenen Autoritätsargument der Mittigkeit, den Anstrich der Unantastbarkeit zu geben.
Der oft fanatische Zwang zur Mittigkeit vieler Pressehäuser und insbesondere Politiktalkshows soll dazu führen, dass ein vernünftiger Diskurs zwischen verschiedenen Meinungen stattfindet. Tatsächlich wird aber genau das verhindert. Komplexe Antworten auf die komplexen Themen unserer Zeit müssen komplex erklärt werden. Das ist im ständigen Schlagabtausch mit dem politischen Gegner*innen nicht möglich.
Stattdessen findet ein Schaugefecht mit unterschiedlichen Meinungen statt und die Mitte wird dazwischen gesucht.
Das klingt an sich klug, aber es tun sich drei Probleme auf.
- Oft liegt die Wahrheit nicht in der Mitte, manchmal hat eine Seite einfach recht.
- Manchmal liegen beide Seiten und die Mitte falsch, weil die ganze Diskussion auf einer falschen Prämisse beruht, so dass die Wahrheit außerhalb der Diskussion liegt.
- Die Art und Weise, wie die Vertreter*innen der unterschiedlichen Positionen ausgesucht werden, ist oft dubios.
Das erste Problem ist wohl bekannt und vielseitig diskutiert, die anderen beiden sind aber eigentlich fast die Interessanteren. Alleine dadurch, dass zwei Personen gefunden werden, die bereit sind, sich zu streiten, kann ein Thema künstlich erschaffen werden. Und mit der Formulierung der Streitfrage können Tatsachen geschaffen werden ohne Argument. Wenn etwa diskutiert, warum Flüchtlinge kriminell sind, ist die These, dass sie kriminell seien, bereits akzeptiert. Obwohl das eigentlich das diskussionswürdigere Thema wäre. Viele haben bereits bemerkt, dass alleine mit der Themenwahl der Talkshows die Propaganda der Rechten verbreitet wurde.
Auch können durch die Einladungspolitik bei Podiumsdiskussionen zwei Extrempositionen vorgegaukelt werden, die alles andere als Extrempositionen sind. Es gibt viele prominente „Linke“ in Deutschland, die gerne durch Talkshows und Kommentarspalten reisen. Nicht weil ihre Positionen sonderlich ausgefeilt, clever oder radikal sind, sondern einfach deswegen, weil Konservative sie zu Linken ernannt haben. So wurde Sarah Wagenknecht zur linken Chefdogmatikerin, Alice Schwarzer zur Oberfeministin und Nils Heisterhagen zum letzten linken Intellektuellen und Ralf Stegner zum Repräsentanten der Linken in der SPD. Nicht wegen ihrem Handeln und ihren Positionen oder ihrer Bedeutung in den politischen Bewegungen, die sie angeblich vertreten, sondern ganz einfach deswegen, weil konservative Redaktionen sie dazu ernannt haben.
So wird eine Meinungsvielfalt vorgespielt, die nicht da ist, und die Mitte gesucht zwischen Rechtsradikalen und dem was Konservative als links bezeichnen. Tatsächliche linke Positionen kommen kaum vor und, wenn dann doch einmal ein Jusovorsitzender die wenig spektakuläre Frage nach dem Besitz der Produktionsmittel stellt, fällt halb Deutschland vom Stuhl, weil sie noch nie mit einer tatsächlichen linken Position konfrontiert waren, sondern nur mit dem, was Konservative als links bezeichnen.
DOCH TATSÄCHLICH IST ALLES NICHT SO FATAL
Tatsächlich beginnt hier ein langsamer Aufbruch. Immer mehr Journalist*innen und Medienschaffenden dämmert, dass der Mittehype vorbei ist und, dass es Zeit ist, wieder Stellung zu beziehen.
Gleichzeitig boomt das Format des Videoessays auf den Streamingplattformen. Weil es einen wachsenden Durst gibt nach Leuten, die sich einfach Zeit nehmen, auch veraltete komplexe Themen zu erörtern, anstatt auf kurzen Aufmerksamkeitswellen mit zu schwimmen. Videoessays, in denen Leute ihre Meinung erklären und diese dann argumentativ begründen, ermöglichen es mitzudiskutieren, anstatt einfach nur die Weisheit des Mitte-Experten zu absorbieren. Und das geht komplett, ohne Promis aufeinander zu hetzen.
Das aufsehenerregende Video von Rezo zur Zerstörung der CDU hat gezeigt, dass es möglich ist, Millionen Leute für eine lange politische Erörterung zu interessieren. Auch in Zeiten, in denen professionelle Medienhäuser verzweifelt versuchen, auch nur ein paar Sekunden Aufmerksamkeit aus ihren Kund*innen herauszupressen. Der mittige Kompromiss-Journalismus und der Sprint um die schnellste und schönste Story gehört zunehmend zum alten Eisen.
Der neue Journalismus aus Kontroverse, Positionierung und Erörterung. Es bleibt nur die Frage, ob die großen professionellen Pressehäuser das liefern können.
