Cancel Culture

Natalie Wynn mit ihrem Kanal Contrapoints, ist die wohl bekannteste linke YouTuberin und außerdem eine der einflussreichsten Transgender Personen auf der Plattform. Sie wird von vielen Seiten bewundert für ihre Fähigkeit rechtsradikale Diskurse zu durchbrechen und sensible Themen wie geschlechtliche Identität zu diskutieren.

Sie wurde gegen Ende des Jahres 2019 gecancelt. Der Vorwurf: Transphobie. Die Beweise: Ein Tweet in dem sie ihre persönliche Frustration über manche vermeintlich progressive Rituale in linken Kreisen ausgedrückt hat. Und ein wenige Sekunden langer Soundclip des Transgender Pornodarstellers Buck Angel, der bereits vor Jahren wegen eines Vorwurfs der Transphobie gecancelt wurde.

Die Online Sphäre hat eine umgehende Entschuldigung von ihr gefordert. Diese kam, wurde aber abgelehnt. Stattdessen wurde nun auch von all ihren Freunden eine Entschuldigung gefordert. Eine Entschuldigung dafür mit ihr befreundet zu sein.

So wurde innerhalb von wenigen Tagen, ein substanzieller Teil der Linken Präsenz auf YouTube abgeschossen. Zwar haben sich viele der mittlerweile Channels erholt, auch Natalie Wynn hat sich zurück gemeldet mit einem längeren Video über ihre eigenen Erfahrungen. Aber die Online Community ist gebrochen. Es bestehen enorme Vorbehalte mit anderen YouTuber*innen zusammen zu arbeiten, aus Angst dass die sich irgendwann einen Fehltritt leisten könnten, der einen selbst mit in den Abgrund reißt.

Das ist CancelCulture und wir sollten nicht so tun als wäre es kein Problem. Wir sollten aber auch aufpassen, wenn reaktionäre Leute wie Dieter Nuhr, die wirklich realen Probleme von anderen Leuten nutzen, um sich selbst eine Opferrolle anzudichten und dafür mit Interviews und Talkshows belohnt werden.

Deswegen macht es Sinn genauer zu diskutieren was da überhaupt passiert. Eines der meistverwendeten Argumente, um CancelCulture zu entschuldigen ist das mit der berechtigten Kritik. Und das ist ein sehr wichtiges Argument, denn es ist im Kern wahr. Viele Leute wollen nur eine berechtigte Kritik anbringen und das ist auch völlig in Ordnung. Aber auch berechtigte Argumente können überwältigend werden, wenn sie tausendfach in nur einer Stunde vorgebracht werden. Ganz besonders dann, wenn die kritisierte Person keinen Verlag oder PR-Abteilung vorgeschalten hat.

Noch wichtiger ist es aber zu beachten was für eine gefährliche Dynamik berechtigte Kritik auslösen kann, wenn sie auf Twitter trifft. Die Seite lebt davon Drama zu erzeugen. Shitstorms sind das Brot von Twitter. Häufig ist die ursprüngliche berechtigte Kritik nur ein Vorwand für das Spektakel der Zerstörung einer bekannten Person. Auffällig dabei ist zum Beispiel, wie häufig Rassismusvorwürfe mit rassistischen Beschimpfungen einhergehen, oder im Fall von Natalie Wynn, damit dass ihre geschlechtliche Identität angezweifelt wurde und sie vielseitig einfach als Mann bezeichnet wurde. Hinzu kommt ein Pulk von verdrehten, zusammenfantasierten oder schlicht erfundenen Aussagen, die nie stattgefunden haben. All das hat nichts mehr mit dem ursprünglichen Anliegen zu tun, sondern ist nur noch ein Produkt der wutschäumenden Dramakultur, von der Plattformen wie Twitter leben.

Deswegen wäre es eine wichtige Grundlage, für alle die im Internet „berechtigte Kritik“ äußern wollen, die Kritisierten auch vor unberechtigten Unterstellungen zu schützen.

Doch das noch größere und wichtigere Problem ist die Frage nach der Plattformstärke der gecancelten Person. Häufig wird behauptet, dass hinreichend bekannte Personen nicht gecancelt werden können, weil sie ja so eine große Reichweite haben, die sie unangreifbar macht. Das ist falsch.

Die Frage ist nicht ob die Leute eine große Plattform haben, sondern wie abhängig sie von der Plattform sind und ob sie innerhalb ihrer eigenen Anhänger*innen gecancelt werden. Diese Unterscheidungen sind wichtig, um zu erkennen warum Leute wie die Autorin Joanne K. Rowling, oder die Witzerzähler*innen Dieter Nuhr und Lisa Eckhart eben nicht gecancelt wurden, sondern nur Drama erzeugen, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Zuerst J.K. Rowling. Die hat sich seit längerem auf eine Vendetta begeben, um gegen Transfrauen zu kämpfen und klarzustellen, dass die keine Frauen sind. Das hat ihr sehr viel Kritik von Transaktivist*innen eingebracht und das sogar extra schmerzhaft, weil das von ihr erfundene Harry Potter Universum eine geistige Zufluchtsstätte für viele queere Jugendliche war, die sich davon sehr hintergangen fühlten. Der Punkt aber ist: J.K. Rowlings Twitter Account ist nicht ihre Einnahmequelle. Sie ist nicht davon abhängig, dass Leute ihre auf SocialMedia Folgen. Ihre Bücher, Filme, Merchandise Produkte und Vergnügungsparks werden noch sehr lange sehr viel Geld abwerfen und sie hat mittlerweile auch auf Twitter viele neue Freunde aus dem religiös fundamentalistischen Lager gefunden. J.K. Rowling wurde nicht gecancelt, das einzige was gecancelt wurde war der geistige Rückzugsort für viele queere Jugendliche, die sich heute nicht mehr sicher sind, ob sie in Hogwarts erwünscht wären.

Anders Dieter Nuhr und Lisa Eckhardt. Beide sind sicher nicht annährend so reich und berühmt wie Rowling. Ihre Fans waren aber auch nie queere Jugendliche oder marginalisierte Personen. Dieter Nuhr hat seinen Sendeplatz nicht trotz seiner Ausfälle, sondern wegen seinen Ausfällen. Er wird geschaut von konservativen Leuten, die es mögen, wenn man sich über minderjährige Kilmaaktivist*innen lustig macht. Die Fans von Lisa Eckhardt wollen rassistische und antisemitische Witze hören. Sie verlieren nichts wenn ihre Kritiker*innen sie kritisieren. Im Gegenteil, sie tragen die CancelCulture-Debatte vor sich herum wie einen Schutzschild, der sie vor jeglicher Kritik abschirmt. Dieter Nuhr rückt sich selbst dabei sogar sprachlich in die Nähe der Opfer der europäischen Judenverfolgung. Und seine Fans mögen das.

Das ist ein sehr weitreichender Unterschied zu Natalie Wynn die von ihren eigenen Anhänger*innen angegriffen wurde und keine andere Einnahmequelle als ihren YouTube Kanal hat. Sie ist eine TransgenderYouTuberin die innerhalb der Transcommunity geshamed wurde.

Für jede*n Konservative*n die*der durch die Medien zieht, um über die Schmerzen des Kritisiertwerdens zu philosophieren, gibt es dutzende progressive und marginalisierte Leute, von denen man nichts mehr hört, weil sie ja gecancelt wurden.

Und wir sollten nicht so tun als sei all das nur ein Linkes Phänomen. Die Rechten haben schon lange sehr gut gelernt, das für sich zu nutzen. Zum Beispiel bei der konstruierten Kontroverse über das „Oma-Gedicht“ oder den Regelmäßigen Angriffen auf Saskia Esken.

Hinzu kommt, dass es für ungeübte oft schwer zu erkennen ist ob ein Twitter Account wirklich links ist oder ein rechter Troll, der sich einen Spaß daraus macht Linken Rassismus vorzuwerfen. (So zum Beispiel der mittlerweile gelöschte Fake Twitter Account „Internationalistische AntiFa“ der sich daran abgearbeitet hat Greta Thunberg als Nazi zu entlarven.) Leider gibt es immer wieder Linke, die auf so etwas hereinfallen.

Auch wenn es um Antirassismus, Antisexismus, usw. geht, ist es auffällig wie viel sanfter die Urteile und Konsequenzen ausfallen, wenn die gecancelte Person weiß, hetero, reich oder konservativ ist. Hier wird die gesellschaftliche Hierarchie mit ziemlicher Gewalt eingepresst und reproduziert und wir sollten aufhören so zu tun als gäbe es all das nicht, nur weil Dieter Nuhr sich als Opfer des ganzen sieht. Es gilt wachsam zu sein gegen Rassismus, Sexismus und Antisemitismus, aber auch gegen Leute, die solche Vorwürfe aus verlogenen Gründen ins Feld führen.

Ein Beitrag von Tim

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