Halb 8 am Morgen, der Kampf beginnt bereits auf dem Weg in die Arbeit. Auf dem Fahrradweg eine gefühlte Ewigkeit hinter einem der E-Scooter festhängen, kaum ist der weg, wird der Weg durch ein parkendes Lieferfahrzeug versperrt. Mist, naja, muss man halt mal kurz auf den Gehweg ausweichen. Drei Kreuzungen weiter nimmt einem ein rechtsabbiegendes Auto die Vorfahrt. Scharf abgebremst, hinter einem schallt bereits die wütende Klingel eines heranrasenden Rads. Frust, Erschöpfung, ist man denn heute nur von Deppen umgeben? 17:45 und der Kampf geht in die nächste Runde. Auf zum verdienten Feierabendbier ins nächste Parklet. Endlich entspannt die Pop-Up Lane entlang radeln. Zu früh gefreut, schon wieder ein parkender SUV. Ausm Umland, war klar! Müssen die denn immer die ganze Stadt zu parken? Was kann man machen!?! Also Ausweichen auf die Straße. Ups, Auto nicht gesehen. Peinlich, aber mei, selber schuld, wer gurkt denn auch noch mit dem Auto zur Rush-Hour in der Innenstadt rum. Die anderen warten sicher schon, also schnell die Abkürzung durch die Fußgängerzone genommen. Wenn die Gruppe vor einem nicht zu fünft neben einander gehen würde, wäre man auch ganz schnell wieder aus der Fußgängerzone raus, da brauchen die Leute gar nicht so böse zu gucken.
So, oder auch ganz anders, bewegen wir uns alle jeden Tag durch den öffentlichen Raum. Doch was ist der öffentliche Raum eigentlich? Er kann so ziemlich alles und nichts sein, von der Grünanlage bis zum Gehweg. Erst durch unser Verhalten wird er in seiner Räumlichkeit konkretisiert, seine Funktionalität definiert und seine Öffentlichkeit ausgehandelt. Durch den Corona-bedingten Urlaub zu Hause und die geltenden Abstandsregelungen, aber auch aufgrund post-Corona bestehenden Trends der Gentrifizierung, sozialer Segregation oder Privatisierung scheint der öffentliche Raum ein knappes Gut zu werden, um das es zu kämpfen gilt. Dass mehr MünchnerInnen als sonst die Sommermonate in der Stadt verbringen, scheint dabei viele bereits existierende Konflikte im öffentlichen Raum zu verstärken.
Die seit Jahren, ja gar Jahrzehnten, andauernden Diskussionen um den Gärtnerplatz zeigen das große Konfliktpotential des öffentlichen Raumes. Wenn Biergärten und Außenbereiche aufgrund der städtischen Sperrzeitregelung um 23 Uhr schließen, zieht es die Nachtschwärmenden bei schönem Wetter an die Isar, den Königsplatz oder eben den Gärtnerplatz. Dieser erfreut sich wegen seiner zentralen Lage und der zahlreichen Bars, Clubs und Imbisse in direkter Umgebung großer Beliebtheit bei jungen Menschen. Der Gärtnerplatz ist perfekt, um gemütlich mit ein paar FreundInnen einen kostengünstigeren Abend zu verbringen. Und die vorbei fahrenden pinken Hummer Limousinen oder gar der eine oder andere hupende Traktor bieten einem dabei auch noch das Entertainmentprogramm der etwas anderen Art. Wer braucht da schon einen DJ oder professionell gemixte Drinks?!? Die Nachbarschaft erfreut dies wiederum nicht. Nächtlicher Lärm und morgendliche Müllreste erhitzen am Gärtnerplatz und in den angrenzenden Straßenzügen die Gemüter. Die einen wollen Party, die anderen nur pennen.
Im öffentlichen Raum treffen jedoch alle aufeinander: Partyvolk und FrühschläferInnen, Großfamilien und Alleinstehende, Rad-FreundInnen und SUV-Fans, Naturliebende und Stadtkinder. Sie alle haben ihre eigenen Wünsche, Interessen und Bedürfnisse. Diese urbanen Grabenkämpfe repräsentieren jedoch nur die grundlegenderen Konfliktlinien in unserer Gesellschaft.
Auch dies lässt sich am Beispiel des Gärtnerplatzes verdeutlichen. Der aktuell steigende Trend der Corona-Neu-Infektionen in München hat zur Folge, dass die Stadt ein nächtliches Alkoholverbot für den öffentlichen Raum erlassen hat, um das Risiko zu minimieren, dass zahlreiche Betrunkene an den Party-Hotspots eine zweite Welle der Pandemie befeuern. Demnach darf vorerst bis zum 04. September zwischen 21 und 6 Uhr kein To-Go-Alkohol mehr verkauft werden und ab 23 Uhr kein Alkohol mehr auf öffentlichen Plätzen und Straßen im gesamtem Stadtgebiet konsumiert werden. Die AnwohnerInnen dürfte diese Entscheidung des Stadtrats erstmals erfreuen, denn mit großer Wahrscheinlichkeit wird vorerst Ruhe am Gärtnerplatz einkehren. Besonders junge Menschen in München trifft dieses Verbot allerdings besonders hart. Aufgrund der geschlossenen Clubs und der reduzierten Tischzahlen in Bars sind die abendlichen Ausgehmöglichkeiten bereits reduziert. Das Alkoholverbot nimmt jungen Menschen eine weitere, und vor allem konsumfreie, Begegnungsmöglichkeit und schränkt damit ihre Teilhabe am öffentlichen Raum ein. Dies zeigt gleichfalls, dass finanzielle Mittel auch die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben determinieren. Während Gutsituierten der Rückzug in private Quartiere bleibt, sitzen Menschen aus finanziell schlechter aufgestellten Haushalten ohne große Wohnung oder Haus mit Garten oder Wohnungslose im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Trockenen. Diese sozialen Ungleichheiten bestehen jedoch unabhängig von Corona oder einem Alkoholverbot im öffentlichen Raum. Denn gleichfalls ist zu bedenken, dass mittlerweile nicht alle AnwohnerInnen noch freiwillig am Gärtnerplatz leben. Wenn gleichsam viele der Generation Y alles für eine Wohnung in der Isarvorstadt tun würden, würden viele andere gerne längst umziehen. Die steigenden Münchener Mieten, ein geringes Gehalt und günstige, alte Mietverträge lassen einigen BewohnerInnen des Viertels keine andere Wahl als die nächtlichen Dramen in Kauf zu nehmen.
Doch dies sind nicht die einzigen Bevölkerungsgruppen, denen eine gleichberechtigte Repräsentation im öffentlichen Raum verwehrt wird. Kürzere Heimwege durch schlecht beleuchtete Parkanlagen werden von vielen Frauen gemieden. Zugeparkte Gehwege stellen ein Hemmnis für Menschen in Rollstühlen dar. Der öffentliche Raum ist etwas Gemeinschaftliches und gleichzeitig etwas Exklusives. Es handelt sich immer um Teilöffentlichkeiten, an denen manche Gruppen stärker beteiligt sind als andere. Der öffentliche Raum ist damit auch immer etwas Politisches. Die Aushandlungen darüber, wer Teil dieser Gemeinschaft sein soll, die den öffentlichen Raum bevölkert, verlaufen nicht nur implizit sondern auch explizit, wie in den vergangenen Monaten zu sehen war. Viele Münchner Umlandsgemeinden beklagen den massiven Tourismus durch Münchner-TagesausflüglerInnen. Da aufgrund der Pandemie viele ihre Ferien daheim verbringen, erhöhe dies beispielsweise den Verkehrsdruck in diesen Gemeinden und würde zu einer zunehmenden Verschmutzung führen. Manche Gemeinden fordern daher ein Ausflugsverbot für MünchnerInnen, während Privatpersonen angeblich schon zum Eierwurf auf Autos mit Münchner Kennzeichen übergegangen sind.
Beim Kampf im öffentlichen Raum dreht es sich also primär nicht um generationsspezifische Interessen, auseinanderdriftende Vorstellungen von zielführenden Mobilitätskonzepten oder die Bedürfnisse der Stadtbevölkerung, sondern um die Aushandlung gesellschaftlicher Teilhabe, Sichtbarkeit und Mitgestaltung. Es gilt Kompromisse zu finden, denn der öffentliche Raum gehört uns allen. Dies sollte in zukünftiger Stadtplanung berücksichtigt werden. Dabei ist es von zentraler Bedeutung, diejenigen in den Prozess der Mitgestaltung einzubinden, die über geringere Ressourcen und politische Partizipationsmöglichkeiten verfügen.
