Generationenkonflikte sind so alt wie die Menschheit selbst. Seit jeher fühlt sich die junge Generation von der alten unverstanden und umgekehrt. Lust auf Veränderung trifft auf Traditionsbewusstsein, Lust auf Provokation auf Mäßigung. Dennoch sind es gerade die Streitigkeiten zwischen Generationen, die grundlegenden Wandel in Gesellschaften durchsetzen. Paradebeispiele sind hierfür in Deutschland die vielgerühmten 68er. Die Nachkriegsgeneration hat nicht nur entscheidend dazu beigetragen, die Kriegsgräuel der Nazis vernünftig aufzuklären und die Erinnerungskultur etabliert. Diese Generation hat auch den Muff der 50er Jahre und die übrig gebliebenen konservativen Werte des frühen 20. Jahrhunderts hinweggefegt und die Gesellschaft nachhaltig liberalisiert, insbesondere mit Blick auf Frauenrechte.
Die nachkommenden Generationen mussten sich häufig an den Erfolgen der 68er vergleichen lassen und konnten diesem Vergleich – gemessen an gesellschaftlichen Umbrüchen – nicht standhalten. Auch unsere Generation muss diesen Vergleich über sich ergehen lassen und die übliche Kritik erdulden – wir seien faul, nicht leistungsbereit, nicht mehr politisch interessiert und engagiert etc. etc. Dies stellt die übliche arrogante Kritik der Altgenerationen dar. Doch diese Einschätzung ist – wie allermeistens – falsch. Bewegungen wie Fridays For Future, aber auch Occupy zeigten, dass die junge Generation durchaus politisiert ist, nur favorisieren sie nicht den althergebrachten Weg der Versammlung über die Parteien. Vielmehr werden agile, themengebundene Formen der Organisierung genutzt um schnell maximale Aufmerksamkeit und mediale Schlagkraft zu generieren. Zudem leitet unsere Generation vielleicht einen der grundlegendsten Wandel in unserer Gesellschaft ein: Unser Verständnis zur Arbeit. Mit dem Fokus auf Work-Life-Balance und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf verändert unsere Generation von innen heraus, wie Unternehmen ihre Personalpolitik gestalten müssen – tun sie es nicht, bekommen Sie nicht das gewünschte qualifizierte Personal. Das mag zwar bei den alten Hasen auf großes Unverständnis stoßen, ist aber im Endeffekt eine notwendige Entwicklung. Der Kapitalismus und seine erfolgreiche Schwächung der Arbeitnehmerrechte seit den 80er Jahren hat zu einer grassierenden Seuche stressbedingter Leiden geführt – unter anderem Burnout und Depressionen, um nur die viel zitierten Klassiker zu nennen. Eine Abkehr von der Philosophie des ständigen Leistungsdrucks hin zu einer mit dem Leben verträglicheren Arbeitsweise ist daher zwingend.
So hat jede Generation Ihre Kämpfe, die es auszufechten gilt. Vielleicht sind es in unserer Generation sogar gleich mehrere. Denn neben dem Kampf um die beste Form der Arbeit bieten sich uns gleich zwei weitere gigantische Schlachtfelder dar: Das Internet und der Klimaschutz. Und die Kämpfe um beides haben gerade erst begonnen. Beim erstgenannten geht es um komplett neuartige Kommunikation, mit der wir aufgewachsen sind und unsere Eltern nicht. Dort fehlt es den Älteren manchmal am grundlegendsten Verständnis, schon in der Anwendung. Dafür ist es für Sie zu fremdartig. Das heißt aber auch, dass es unserer Generation obliegt, einen verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Medien zu entwickeln und einen Rahmen für den Umgang mit diesen zu setzen.
Ähnlich verhält es sich mit dem Klimawandel. Auch hier ist es unsere Generation, die erkennt wie fundamental wichtig dieses Thema ist. Leider haben hier die älteren Generationen versagt und damit wertvolle Zeit vergeudet. Es geht um nichts geringeres als das Überleben unserer Spezies. Leider sind wir Menschen nichts weiter als der sprichwörtliche Frosch im Wassertopf. Nur, dass unsere Generation bei 95 Grad gemerkt hat, dass das Wasser gleich zu kochen beginnt. Nun wollen wir endlich hinausspringen, doch der alte, im bequemen warmen Wasser angesoffene Wohlstandsbauch hält uns zurück.
Allerdings sind die Besonderheiten unserer Generationen, das Internet und der Klimawandel auch etwas das zeigt, dass nicht alle Generationenkonflikte der Geschichte eindeutig vergleichbar sind. Vielmehr ist jede Genration im Voranschreiten der Geschichte mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Die älteren Menschen hatten zu jedem Zeitpunkt (per Definition) mehr Zeit sich mit den gesellschaftlichen Problemen zu arrangieren, während die jüngeren das noch nicht tun konnten. Oft finden sich ältere Personen dabei die gesellschaftlichen Kompromisse, die sie in ihrem Leben gemacht haben, zu verteidigen, auch wenn sie mit diesen Kompromissen nie wirklich zufrieden waren. Während den jüngeren dieser Kompromiss von ihren Eltern übergestülpt wurde und sie diesen Kompromiss selbst nie gemacht haben.
Die Art der Kompromisse hängt aber immer auch von den größeren gesellschaftlichen Problemen ab un die sind ständig im Wandel. Während Generationenkonflikte also ein immerwährendes Phänomen sind, sind die Themen der Konflikte nur bei oberflächlicher Betrachtung dieselben. Sicherlich waren die Faulheit und Unhöflichkeit der Jugend schon Platon ein Gräuel, aber es wird wohl niemand behaupten, dass die jungen Athener der antiken Sklavenhalter Gesellschaft auch nur ansatzweise die gleichen Probleme hatten wie die Jugend von heute. Und hier tut sich ein großes Problem auf mit der Betrachtung von Generationenkonflikten: Sie lenken vom Thema ab. Sie entpolitisieren die Debatte.
Sicherlich kann der Streit zwischen Jung und Alt auf jedes Gesellschaftliche Thema darübergestülpt werden um hitzige Diskussionen zu entfachen in denen dann alle ihren Senf abgeben können, weil schließlich alle schon mal Frust mit jungen und alten Leuten hatten. Das eigentliche Streitthema wird dadurch aber begraben. Diese Gefahr der Entpolitisierung der Debatte findet sich überall bei den Themen der Digitalisierung und des Klimawandels.
Ein Beispiel: Als Konter auf den Vorwurf die ältere Generation hätte den Klimawandel verschlafen, wird oft gekontert, dass die ältere Generation sehr viel nachhaltiger gelebt hätte, weil sie ohne umweltschädliches Plastikspielzeug und Handy aufgewachsen seien. Und dann geht es plötzlich um das gute Leben von früher und Nostalgie nach Holzbauklötzen. Auf diesem Grund lässt sich natürlich überhaupt keine Diskussion mehr führen. Die eigentliche Frage wäre doch, wie es dazu gekommen ist das Plastik in so viele Teile unseres Lebens vorgedrungen ist (auch in das der Älteren) und was man dagegen tun kann. Schnell muss man dann jedoch feststellen, das Plastik ein Nebenprodukt der Ölindustrie ist, die wiederum mit dem Verkehr verbunden ist und schon sind wir wieder beim Auto. Dann wird wieder abgelenkt darauf, dass die Kinder von heute sich mit dem Auto zur Schule fahren lassen, ohne zu Fragen wer sie denn eigentlich zur Schule fährt. Vernünftiger wäre es doch zu diskutieren wie es sein konnte, dass die Zahl der Autos so rasant gestiegen ist und welche Politik notwendig wäre die Zahl wieder zu verringern.
Damit führt der Generationenkonflikt zu einem gewissen Dilemma. Einerseits ist es so, dass Jugendbewegungen eine großes Potential haben die gesellschaftlichen Kompromisse anzugreifen mit denen sich ihre Eltern arrangiert haben, allerdings drohen Jugendbewegungen ihre Bedeutung zu verlieren sobald der Generationenkonflikt das eigentliche Thema verdrängt. Das betrifft heute Friday For Future und es betraf früher die 68er. Wer die Bewegungen von damals auf die Aufmüpfigkeit der Jugend reduziert, blendet der eigentliche Brisanz des Konfliktes aus und untergräbt das, was erreicht wurde.
