Wer in den 90er und 80er Jahren aufgewachsen ist, der kennt den Krieg gegen die Drogen. Sehr viel Wert wurde darauf gelegt, die Kinder über die enorme Gefahr von Suchtmitteln aufzuklären. „Die Kinder vom Bahnhof-Zoo“ und andere Drogendramen waren ein wichtiger Bestandteil. Wenn es um die gesundheitliche Erziehung von Kindern ging, war das ganz sicher die oberste Priorität. Weit vor anderen Themen wie Krankheitsprävention, Ernährung oder Sexualaufklärung.
Es gab unterschiedliche Listen von unterschiedlichen Drogen, die nach Gefährlichkeit gereiht wurden, anfangend mit der „vermeintlich harmlosen Einstiegsdroge“ Cannabis, bis hinauf zum bösesten des Bösen: Heroin. Drogensucht war eine gerade Spirale hinein in die persönliche Apokalypse. Der Spruch: „Heroin ist die schlimmste Droge, sie zerstört die Seele.“, hat sich in meinen Kopf gebrannt. Ich weiß nicht mehr woher er stammt, aber die religiöse Rhetorik von der Zerstörung der Seele hat Heroin in meinem Kopf zu einem realweltlichen Äquivalent des Satans werden lassen.
Drogenhändler*innen waren die Dienstboten des Teufels, Feinde der Menschheit, die schlimmsten Verbrecher, die vorstellbar waren. Schlimmer noch, sie standen vor jeder Schule und hatten es auf Kinder abgesehen. Drogenhändler*innen waren so düster und bösartig, sie wollten nicht nur die verkommene Unterschicht in den Abgrund reißen, sondern süße kleine Kinder mitnehmen.
[Und spätestens hier sollten kritische Leser*innen aufmerksam werden. Es gibt in dieser Vorstellung anscheinend unrettbare böse Bevölkerungsgruppen, bei denen es nicht schlimm ist wenn sie an Drogen zugrunde gehen, während es liebreizende Bevölkerungsgruppen gibt, bei denen es eine Tragödie ist.]
Meine tatsächliche Erfahrung mit Drogenhandel an der Schule war dann sowieso eine völlig andere. Es war kein gruseliger Mann vor dem Schultor der meine Mitschüler*innen mit Drogen versorgte, es waren die Mitschüler*innen selbst, die hin und wieder was mitgebracht haben und es anderen für einen Freundschaftspreis verkauften.
An der Universität habe ich dann rasch festgestellt, dass viele Leute die angebliche „Einstiegsdroge“ Cannabis einfach übersprangen und direkt zu Kokain übergingen, das ebenfalls nicht von einem dubiosen Kerl vor der Uni gehandelt wurde, sondern von den Kommiliton*innen selbst. Außerdem ging es nicht nur um Rauschmittel; rezeptpflichtige Psychopharmaka wie Ritalin waren besonders in den Stressigen Prüfungsphasen der Geheimtipp…
Und um es ehrlich zusagen: Die Rhetorik des „Kampfes gegen Drogen“ hat bei mir gewirkt. Ich fröne nur den legalen Drogen Alkohol und Tabak (sehr gesundheitsschädliche Sachen), habe nur vier bis fünf Mal in meinem Leben gekifft und nie irgendetwas anderes genommen, weil ich der Spirale in die persönliche Apokalypse entkommen wollte — und ich kann bestätigen, dass mir das gelegentlich geschadet hat. Einerseits, weil man von gewissen Freundeskreisen und Netzwerken ausgeschlossen bleibt (besonders die Oberschicht kokst), andererseits, weil die Leute, die Ritalin genommen haben, tatsächlich bessere Prüfungsergebnisse hatten als ich, der unter ständiger Prüfungsangst leidet.
Der sogenannte „Kampf gegen die Drogen“ basierte anscheinend auf einer völlig falschen Prämisse, eine fehlerhafte Darstellung von Verbreitungswegen, Drogensucht UND die Art und Weise wie unterschieden wird, zwischen legaler, illegaler und rezeptpflichtiger Droge ist hochgradig dubios.
Aber eines nach dem anderen:
Offensichtlich ist es nicht nur eine abgestürzte, verseuchte Unterschicht, die Drogen nimmt und verkauft. Im Gegenteil, gerade bei hochqualifizierten und gesellschaftlich angesehenen Leuten sind Drogen im Umlauf. Verständlicherweise, denn Drogen kosten Geld und dieses Geld muss man erst einmal haben. Und während es hin und wieder vorkommt, dass ein*e Prominente*r sich selbst zerstört, scheinen Rehabilitationsprogramme sehr gut dabei zu helfen wieder auf die Beine zu kommen. Die Menschen die wirklich in der endlosen Drogenspirale bis zur persönlichen Apokalypse landen, sind vor allem die Leute, deren Leben von Anfang an schon problematisch verlaufen ist.
Heißt simpel: Wer in stabilen Verhältnissen, mit ordentlichem Einkommen und sozialem Umfeld lebt, KANN mit Drogensucht ein stabiles Leben führen. Wer nicht, der nicht.
Der „Kampf gegen die Drogen“ war im Wesentlichen ein verschleierter Kampf gegen die Unterschicht, der fast immer rassistisch konnotiert war. Es ist kein Zufall, dass die Antidrogen-Rhetorik in den 80er und 90er Jahren ihren Höhepunkt erreicht, zu der Zeit, als die neoliberale Wirtschaftsideologie ihren globalen Durchbruch erlebte. Drogen (inklusive Alkohol) sind ein guter Vorwand, Leuten, die in schlimmen Verhältnissen leben, selbst die Schuld an ihren Verhältnissen zu geben. Die Verknüpfung mit religiöser Symbolik, von Sünde und der Zerstörung der Seele, ist kein Zufall, sie wurde von christlichen Konservativen absichtlich befördert, um Armut in Sünde umzudeuten.
Die Angst vor dem Drogenhändler, der vor der Schule steht, war ein guter Vorwand, den Kindern vom gutbürgerlichen Gymnasium frühzeitig beizubringen einen Bogen zu machen um alle Leute, die nicht so aussehen, als würden sie zu den gutbürgerlichen Verhältnissen dazugehören. Das betrifft vor allem Leute, die nicht weiß sind.
Sicherlich ist Drogensucht ein reales und ernstzunehmendes Problem. Das Mittel, das zum Umgang damit gewählt wurde, war aber nicht Therapie, sondern soziale Exklusion. Ein soziales und medizinisches Problem wurde mit der Polizei bekämpft, nicht mit Ärzt*innen und Pfleger*innen. Erst allmählich und durch Jahrzehnte lange politische Kämpfe gelang es, öffentliche Therapieangebote, wie Konsumräume zu erschaffen. Im ursprünglichen „Kampf gegen Drogen“ war das nicht vorgesehen. Es hat lange gedauert, bis Sucht als Krankheit anerkannt wurde und nicht als selbstbestrafende Sünde.
Aber auch wenn erhebliche Fortschritte bei der Zugänglichkeit von Therapien gemacht wurden, ist die Polizei nach wie vor ein beliebtes erstes Mittel im „Kampf gegen Drogen“.
Die Bedeutung der Polizei in diesem Conundrum hört sich erstmal simpel an. Es ist illegal bestimmte Sachen zu besitzen, die Polizei ist dafür verantwortlich, das Gesetz umzusetzen. So weit so einleuchtend.
Da der Konsum von Drogen und der Handel damit sehr weit verbreitet ist, ist es kaum möglich alle „Täter*innen“ zu erwischen. Die Bevölkerungszahl derer, die kontrolliert oder gar inhaftiert werden müssten, wäre schlicht absurd. Deswegen versucht die Polizei einzelne Exempel zu statuieren. Einzelne Leute heftig dran zu kriegen. Und der den sie dann „drankriegt“ ist selten die*der gutbürgerliche Mitschüler*in, die in der Schule dealt, sondern der nicht weiße Typ, der vor der Schule herumsteht oder nur zufällig daran vorbeiläuft.
Nicht nur wird den weißen Kindern im „Kampf gegen die Drogen“ beigebracht, sich von der Unterschicht und nicht-weißen fernzuhalten, es wird sogar von der Polizei umgesetzt.
Bei keiner Droge fällt dieser Widerspruch so laut ins Feld wie bei Cannabis. Die Rechtslage und Rechtsumsetzung sind äußerst dubios. Kiffen ist ein riesiger Bestandteil der Kultur und wird kaum verheimlicht. Die Fernsehsendungen sind voll mit Leuten, die kiffen. Die Leute reden sehr offen über ihr Konsumverhalten. Ein Stigma gibt es kaum mehr – zumindest für weiße. Das Verbot gibt es zwar noch, wird aber oft willkürlich ausgelegt.
Für Nicht-Weiße ist die polizeiliche Bekämpfung von Cannabiskonsum eine ununterbrochene Erfahrung. Leute geraten ständig in Kontrollen. Shisha-Bars werden mit einer Razzia nach der anderen überzogen. Schwarze werden nicht in Discos eingelassen, weil sie als Drogenhändler*innen verdächtigt werden
Wir haben es also mit einem Gesetz zu tun, dass zwar an sich für alle gleich gilt, in seiner Anwendung und Umsetzung, aber das wichtigste Vehikel für rassistische Willkür überhaupt ist.
Deswegen ist die Auseinandersetzung über die Legalisierung von Drogen eben nicht nur ein Thema für weiße Studis, die gerne kiffen, sondern für alle, die sich gegen Rassismus und für Rechtsstaatlichkeit einsetzen.
